Ökologisches Potenzial
Beim Lesen von Gewässerbewertungen kann man auf einen Begriff stoßen, der viele überrascht: Statt „ökologischer Zustand” erscheint das ökologische Potenzial. Das ist kein Fehler - ein Teil der Gewässer wird nach einem etwas anderen Maßstab bewertet, weil sie in einem Grad physisch verändert wurden, der den Bezugspunkt verschiebt. Es lohnt sich, diesen Unterschied zu verstehen, um nicht „Äpfel mit Birnen” zu vergleichen.
Erheblich veränderte und künstliche Gewässer
- Erheblich veränderte Wasserkörper (HMWB) sind Wasserkörper, deren Charakter durch menschliche Tätigkeit wesentlich verändert wurde - z. B. regulierte Flüsse, Talsperren - auf eine Weise, die mit einer wichtigen Nutzung verbunden ist (Hochwasserschutz, Energie, Schifffahrt, Wasserversorgung).
- Künstliche Wasserkörper (AWB) sind Gewässer, die vom Menschen dort geschaffen wurden, wo es sie zuvor nicht gab - z. B. Kanäle.
In beiden Fällen ist die Wiederherstellung eines naturnahen Zustands ohne Verzicht auf diese Nutzung nicht möglich - deshalb werden sie anders bewertet.
Warum Potenzial und nicht Zustand
Für solche Gewässer ist der Bezugspunkt kein natürlicher Fluss oder See, sondern der beste bei der gegebenen Veränderung erreichbare Zustand - das sogenannte höchste ökologische Potenzial. An ihm wird gemessen, wie nah ein Wasserkörper ist. Daher spricht man von Potenzial, nicht von Zustand.
Zustand und Potenzial - was sich ändert und was nicht
| Ökologischer Zustand | Ökologisches Potenzial | |
|---|---|---|
| Für welche Gewässer | natürliche Wasserkörper | erheblich veränderte (HMWB) und künstliche (AWB) |
| Bezugspunkt | Referenzbedingungen natürlicher Gewässer dieses Typs | höchstes Potenzial - das Beste, was bei erhaltener Nutzung erreichbar ist |
| Bezeichnung der Klassen | sehr gut / gut / mäßig / unbefriedigend / schlecht | höchstes / gutes / mäßiges / unbefriedigendes / schlechtes |
| Umweltziel | mindestens guter Zustand | mindestens gutes Potenzial |
| Chemischer Zustand | gut / nicht gut | identisch - die physische Veränderung ändert die chemischen Kriterien nicht |
| Messmethodik | dieselbe | dieselbe - der Unterschied liegt in der Auslegung, nicht im Gelände |
⚠️ „Gutes Potenzial” heißt nicht „schlechteres Wasser mit Rabattskala”. Es ist eine Bewertung gegen einen anderen Bezugspunkt, keine mildere Skala: ein Schifffahrtskanal mit gutem Potenzial kann eine bessere Physikochemie haben als manch natürlicher Fluss im mäßigen Zustand - und umgekehrt.
Die Skala
Das ökologische Potenzial wird in Klassen beschrieben, die dem Zustand analog sind:
- höchstes,
- gutes,
- mäßiges,
- unbefriedigendes,
- schlechtes.
Der chemische Zustand dagegen wird genauso bewertet wie bei natürlichen Gewässern (gut / nicht gut) - die physische Veränderung ändert die chemischen Kriterien nicht. Das Umweltziel für diese Gewässer ist meist ein gutes ökologisches Potenzial und ein guter chemischer Zustand.
In der Praxis
Aus Sicht der Person, die ein Monitoring führt, ändert sich die Messmethodik selbst nicht - der Unterschied liegt in der Interpretation der Ergebnisse gegenüber dem passenden Bezugspunkt. Ob ein Wasserkörper natürlich, erheblich verändert oder künstlich ist, prüfst du anhand seiner Kategorie im JCWP (siehe Wasserkörper - JCWP). Die Messungen selbst sollte man ohnehin geordnet halten - z. B. in einem LimnoLog-Projekt, mit Richtlinien für die Indikatoren. Wie sich Potenzial und Zustand zur Gesamtbewertung zusammenfügen, beschreiben wir im Artikel Klassen und Zustand der Wasserqualität.
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